Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst: Barock bis Romantik
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Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst: Barock bis Romantik

In der Kunst wurden lesbische, schwule, bisexuelle, trans und inter Menschen sowie ihre Lebenswelten durch die Jahrhunderte nur mit einem auerordentlich stark schwankenden Grad an bildlicher Prsenz und Sichtbarkeit dargestellt. Abhngig von Moralvorstellungen, abhngig von strafrechtlicher Verfolgung und Zensur, abhngig aber auch vom Zielpublikum der Kunst, also fr wen sie geschaffen wurde, schwankte das Eindeutige des Dargestellten ganz wesentlich. Der Zwang zu Heimlichkeit, Selbstverleugnung und Verstecken brachte es mit sich, dass «Beweise» auch bildlicher Art entweder vernichtet oder in Codes und bewusst konstruierte Deutungsmuster verpackt wurden. In der Kunst frherer Jahrhunderte ist es also ntig, die bildknstlerischen Objekte zu dechiffrieren, ihre Zeichen innerhalb der Bildkompositionen zu interpretieren.

Noch bis zum 26. Oktober 2025 nimmt die Ausstellung «Wish you were queer. Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte» im Museum im Prediger in Schwbisch Gmnd das Selbstbild, die Wahrnehmung und die Lebenswelten von LSBTI* in den Blick. Dies ist der Anlass, die Entwicklung der Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst unter Einbezug von Hauptwerken der Schau in einer fnfteiligen Artikelserie zu schildern. Anhand einer exemplarischen Besprechung von vier bis sechs Kunstwerken entlang der historischen Epochen ergibt sich ein berblick ber den chronologischen Ablauf durch die Jahrhunderte.

Peter Paul Rubens: Jupiter in Gestalt der Diana und Kallisto

Fr die Thematisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe oder des Begehrens jenseits der heterosexuellen und binren Norm wurden im Barock als legitimierende Bildmotive oftmals Heilige und Gottheiten verwendet. Peter Paul Rubens zeigt in seinem Gemlde von 1613 zwei lagernde Frauen, von denen eine die andere liebkost. Passiv lsst sich die Nackte links das Streicheln und Umarmen gefallen, reagiert allerdings mit einem Zurckweichen des Oberkrpers auf das Herandrngen der bekleideten Frau.

Dabei wirkt der um Vertrauen werbende Annherungsversuch der Aktiven sehr zrtlich. Beruht diese Passivitt auf Schchternheit oder doch auf einer Vorahnung? Diese Vorahnung nimmt Gestalt an in dem bedrohlichen Adler, der im Hintergrund mit einem Blitzbndel in den Krallen erscheint.

Rubens erzhlt die Geschichte der Nymphe Kallisto, die als Jgerin aus dem Gefolge der Diana die Aufmerksamkeit des Gttervaters Jupiter erregte. Wohl wissend, dass Dianas Nymphen sich wie ihre Herrin zur Jungfrulichkeit verpflichtet hatten, ersann er eine List, als er Kallisto alleine auf der Jagd erblickte. Er nahm die Gestalt Dianas an, und Kallisto reagierte mit Vertrauen, da sie in ihrem Gegenber ihre Herrin und nicht Jupiter vermutete.

Das Sujet, das Rubens hier umgesetzt hat, bot die Mglichkeit, gleichgeschlechtlich-weibliches Begehren darzustellen, wenn auch der lesbische Moment eine sehr mnnliche Inszenierung blieb. Gleichwohl nimmt die Forschung an, dass Bilder solch zrtlicher Frauenpaare auch eine stimulierende Wirkung in Bezug auf Identittsfindung auf lesbische Frauen gehabt haben werden.

Landschaft mit Badenden von Wolfgang Heimbach

Eine Darstellung wie diese Landschaft mit Badenden von Wolfgang Heimbach ldt mit ihrem offenen Charakter zu einem Queer-Reading ein. Dabei trgt die Intimitt des Themas, des nackten Badens, klar zur erotischen Aufladung bei, auch wenn der voyeuristische Zug typisch fr die Barockzeit deutlich wahrnehmbar ist.

In Heimbachs Gemlde kann bei den beiden im Bildvordergrund links lagernden Frauen eine explizit sexuelle Handlung beobachtet werden. Whrend die eine direkt zwischen die Beine der anderen greift, bietet ihr diese wiederum ihre Brust an.

Gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen lsst sich mit dem Mythos um die Gttin Diana und insbesondere mit knstlerischen Darstellungen des Bades der Diana verbinden. Gleichsam synonym im Wortgebrauch wurde im 15./16. Jahrhundert beispielsweise in Italien in verschiedenen Prozessen den Angeklagten vorgeworfen, sie htten sich dem «Spiel der Diana» hingegeben oder wren Teil einer «Gesellschaft der Diana». Mglicherweise dienten Begriffe wie diese auch der Selbstbezeichnung gleichgeschlechtlich begehrender Frauen. Gleichwohl werfen Bilder wie das von Heimbach die Frage auf, fr welches Publikum sie geschaffen wurden.

Fürstliches Kinderportrt

Das schulterlange Haar, die keck hervorblitzenden Seidenschuhe sowie das weie Kleid mit Rschenkragen und Schrpe verleiten dazu, auf diesem Gemlde eine Prinzessin zu erkennen. Es handelt sich bei dem Portrt, das der Maler Johann Heinrich Tischbein d. . im Jahr 1785 geschaffen hat, aber um einen Jungen, genauer um Prinz Ernst Viktor von Hessen-Rheinfels-Rothenburg (1782-1786).

Was zunchst und aus heutiger Betrachtung als liberaler Umgang mit Geschlechterkonventionen erscheint, reproduziert auf den zweiten Blick gleichwohl die statischen Rollenmuster. Denn der Prinz spielt mit den Zinnsoldaten auf dem Tisch vor ihm, die eindeutig auf sein Geschlecht und auch auf die dazugehrige Rollenerwartung verweisen.

Das Kinderspielzeug auf dem Portrt des Dreijhrigen knnte aber mglicherweise auch einen ernsten Hintergrund haben. So ist sein Vater zwei Jahre nach der Geburt des Sohnes an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der umgefallene Zinnsoldat an den verstorbenen Papa erinnern sollte.

Emanuel Leutzes Freundschaftsbild «August»

Die 1851 datierte Lithographie des aus Schwbisch Gmnd stammenden Malers Emanuel Leutze fasziniert durch die Stimmung der Zwanglosigkeit, die in dem Bild zwischen den beiden Freunden unter dem Baum eingefangen wird. Beide liegen entspannt und sehr vertraut aneinander geschmiegt im khlen Schatten.

Bislang interpretierte die Kunstgeschichte die Mnner wegen der Staffelei unter dem Sonnenschirm im Hintergrund als zwei Maler, die sich vor der Hitze flchtend «im sen Nichtstun» ausruhen. Dabei haben die beiden bis auf eine im Gras abgelegte Pfeife nichts weiter bei sich, auch nichts, das sie als Maler definieren wrde.

Stattdessen ist die bildliche Reprsentation des Mnnerpaars ein Paradebeispiel, das Queer-Reading ermglicht: Denn das Hemd des vorderen Mannes ist weit, immerhin bis zum Hosenbund geffnet, und sein Arm umschlingt geradezu das hochgestellte Bein des anderen Mannes. berdies hat der Vordere seinen Kopf auf den Unterleib (!) des anderen gebettet. Zudem liegen sie mit glcklichen, fast lchelnden Mienen da, auch wenn die Augen geschlossen sind. Ob sie schlafen oder doch eher tagtrumend in Gedanken einer gemeinsamen Zukunft nachhngen?

Jedenfalls ist die Gelassenheit und Verbundenheit des Mnnerpaars ungeachtet dessen, ob sie nur eine sentimentale Freundschaft pflegen oder sich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sehen eine neue Qualitt, die die Romantik des 19. Jahrhunderts erstmals in der Kunst mglich machte.