Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst: Mittelalter und Renaissance
In der Kunst wurden lesbische, schwule, bisexuelle, trans und inter Menschen sowie ihre Lebenswelten durch die Jahrhunderte nur mit einem auerordentlich stark schwankenden Grad an bildlicher Prsenz und Sichtbarkeit dargestellt. Abhngig von Moralvorstellungen, abhngig von strafrechtlicher Verfolgung und Zensur, abhngig aber auch vom Zielpublikum der Kunst, also fr wen sie geschaffen wurde, schwankte das Eindeutige des Dargestellten ganz wesentlich. Der Zwang zu Heimlichkeit, Selbstverleugnung und Verstecken brachte es mit sich, dass «Beweise» auch bildlicher Art entweder vernichtet oder in Codes und bewusst konstruierte Deutungsmuster verpackt wurden. In der Kunst frherer Jahrhunderte ist es also ntig, die bildknstlerischen Objekte zu dechiffrieren, ihre Zeichen innerhalb der Bildkompositionen zu interpretieren.
Noch bis zum 26. Oktober 2025 nimmt die Ausstellung «Wish you were queer. Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte» im Museum im Prediger in Schwbisch Gmnd das Selbstbild, die Wahrnehmung und die Lebenswelten von LSBTI* in den Blick. Dies ist der Anlass, die Entwicklung der Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst unter Einbezug von Hauptwerken der Schau in einer fnfteiligen Artikelserie zu schildern. Anhand einer exemplarischen Besprechung von vier bis sechs Kunstwerken entlang der historischen Epochen ergibt sich ein berblick ber den chronologischen Ablauf durch die Jahrhunderte.
Die Heilige Wilgefortis als mittelalterliches Beispiel
Frhe Kunstwerke mit LSBTI*-Bezug sind die Darstellungen der Heiligen Wilgefortis mit ihrem anschaulichen Beispiel fr Transgendering. Wenn heute blicherweise zwischen biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender) unterschieden wird, so bietet das Mittelalter bereits eine vergleichbare Perspektive. Die Geschichte der Heiligen Wilgefortis entstand um 1400 durch die Verschmelzung verschiedener populrer religiser Legenden mit einer ikonographischen Umdeutung.
Laut der Legende wollte die Prinzessin Wilgefortis jungfrulich bleiben und ein christliches Leben fhren. Um ihrer Zwangsheirat mit einem Heiden zu entkommen, betete sie zu Gott, der ihr einen Bart wachsen lie. Daraufhin lie nicht nur der heidnische Werber von ihr ab, sie wurde auerdem von ihrem Vater zum Tode am Kreuz verurteilt, eben so, wie der von ihr angebetete Heiland sterben musste ein Martyrium, das damals Mnnern vorbehalten war.
Die Heilige Wilgefortis inspirierte auf diese Weise einen Kult, der vom 14. bis zum 18. Jahrhundert dauerte und in dessen Folge Bilder von brtigen Frauen am Kreuz in ganz Europa verbreitet wurden. Die Gekreuzigte zeigt sich darauf im langen Rock und ist damit als Frau zu lesen, doch der Bart gibt ihr ein mnnliches Attribut. Er dient gleichsam als Schutzschild zur Bewahrung ihrer Selbstbestimmung.
Drers Mnnerbad von 1496
Der Holzschnitt gehrt zu den frhen Werken von Albrecht Drer, dessen Signatur unten klar zu erkennen ist. Er ist eines der frhesten Bilder der Renaissance nrdlich der Alpen mit homoerotischen Codes. In diesem Bild fllt eine sehr berraschende Unmittelbarkeit der sechs nackten oder nur leicht bekleideten Mnner auf.
So finden sich auf dem Bild auffallende erotische Anspielungen wie etwa die Form des Wasserhahnes, der aus dem hlzernen Brunnenstock herausragt und nicht zufllig an dieser Stelle direkt vor den Hften des dahinterstehenden Mannes angeordnet ist. In der Tat war der Wasserhahn zu Drers Zeit eine gelufige Anspielung auf den Penis und ein Symbol mnnlicher Potenz. Der solcherart strategisch platzierte Wasserhahn ist daher eine Art der Sexualisierung der Figur, ohne sein Genital explizit darzustellen.
Der Mund des rechten Mannes im Vordergrund ist wiederum dem nur knapp verpackten Geschlecht des Fltenspielers, dessen Hften sich ihm berdies zuneigen, auerordentlich nahe. Das Band des uerst knappen Stringtangas des Fltisten sitzt so extrem niedrig, als ob es gleich herunterrutschen sollte.
Auerdem wirft der Blickkontakt zwischen den beiden Musikanten und dem Mann am Brunnenstock Fragen nach sexuellem Begehren auf. Der verstohlene Blick aus den Augenwinkeln suggerierte in der Kunst um 1500 oft den Beginn amourser Begegnungen. Angeheizt wird die homoerotische Stimmung durch einen jungen Mann im Hintergrund, der die drei beobachtet und somit in die Rolle des Voyeurs tritt. Bemerkenswert ist, dass dies alles in einem weit verbreiteten Werk auftaucht, das durch die Holzschnitttechnik in zahlreichen Abzgen reproduziert wurde und von Drer fr den Verkauf bestimmt war.
Hans Baldung Grien: Neujahrsgru mit drei Hexen
Da die Tage um den Jahreswechsel als eine gefhrliche Zeit galten, in der Hexen und Dmonen wteten, stellte Drers Schler, der Maler Hans Baldung Grien, auf diesem 1514 datierten Neujahrsgru drei Hexen dar. Von ihnen versucht vorne die Jngste, vornbergebeugt kniend, von unten ihre Vulva zu betrachten. Eine ltere drckt ihren Krper nieder.
Eine zweite jngere assistiert, indem sie der Knienden auf den oberen Rcken steigt. Mit ihrem rechten Arm einen Topf mit Feuer hochhaltend, weist sie durch die Berhrung ihrer eigenen Scham darauf hin, wie das Feuer der weiblichen Lust zu wecken und zu stillen ist. Das quergelegte Tfelchen mit der Signatur verleitet dazu, den Kopf zu drehen, um so zwischen die Schenkel der jungen Frau vorne zu blicken.
Baldungs Darstellungen nackter Hexen mit ungeschnten Krpern in verdrehten Posen manche erotisch, andere voyeuristisch vulgr waren in ihrer Zeit neuartig. Als Hexen galten damals Frauen, die aus der «Rolle fielen», also nicht unter der Kontrolle eines Mannes lebten, sondern selbstbestimmt sein wollten als Alleinstehende oder als gleichgeschlechtlich Begehrende.
Die ehemals negativ konnotierten Eigenschaften «ungebndigter» Frauen und ihrer Verortung in der Natur wurden in den 1970er Jahren von Feministinnen aufgegriffen und umgedeutet. Die Hexe wurde dabei zum Sinnbild weiblicher Kraft und Naturverbundenheit.
Das Frauenbad von Hans Sebald Beham
Der Kupferstich von Hans Sebald Beham bietet freizgige Einblicke in ein Frauenbad. Eine holzverkleidete Schwitzstube bildet den Schauplatz fr das lockere Beieinander der drei Frauen. Sie scheinen nicht mehr nur zur Krperpflege im Bad zu sein, wie die achtlos auf dem Boden liegenden Schwmme verdeutlichen.
Die Aktivste der drei sitzt breitbeinig auf der Bank, wodurch der Blick auf ihre entblte Vagina freigelegt ist. Ihr eigenes Augenmerk gilt der Frau neben ihr, die ihr Bein auf die Konsole gestellt hat. Mit lustvollem Blick greift sie der Stehenden in die Scham. Diese schaut unter ihrem erhobenen Arm zurck, whrend die dritte Frau hinter der Sitzenden auffallend interessiert ber die Schulter blickt.
Dem Betrachter hier ist in erster Linie der mnnliche angesprochen soll sich nicht nur der verfhrerische Blick auf die Vulva der Sitzenden bieten, sondern er darf darber hinaus Zeuge erotischer Handlungen werden, die blicherweise nicht fr seine Augen bestimmt sind. Der Knstler bietet die Frauenakte im vermeintlichen Ambiente unbeobachteter Intimitt an mit Anflgen lesbischer Sexualitt.
Bildnis der Hofdame Helena Antonia Galeckha
Helena Antonia Galeckha wurde im Erzbistum Lttich geboren. ber ihre Kindheit ist nicht viel bekannt, sie wird aber um 1578/79 geboren sein. Im Alter von neun Jahren zeigte sich bei ihr erstmals Bartwuchs. Ihre Eltern lieen den Bart stutzen, aber er wuchs immer wieder nach.
Zu einem unbekannten Zeitpunkt nahm Erzherzogin Maria von Innersterreich-Steiermark Helena Antonia Galeckha in Graz in ihre Dienste. 1599 schrieb ein Hofmediziner, dass ihr Bart dicht sei, stark und voll, mit einem Schnurrbart ber dem Mund und dichtem Wuchs auf beiden Seiten der Wangen und um das Kinn herum.
Die Inschrift auf dem Gemlde enthlt neben dem Namen der Portrtierten auch den Hinweis, dass das Bildnis nach dem Leben gemalt ist. Auerdem wird sie als zur Familie der Erzherzogin gehrig bezeichnet, womit keine biologische Verwandtschaft gemeint ist, wie man lange angenommen hat, sondern eine wertschtzende Zugehrigkeit zum Hofstaat der Frstin.
Bild und Inschrift spiegeln eine gewisse Faszination am Aueralltglichen, gleichwohl deuten alle Quellenbelege darauf hin, dass ihr Erscheinungsbild zwar als kurios wahrgenommen, aber nicht abgewertet wurde. Vielmehr verblieb Helena Antonia Galeckha als brtige Frau zeit ihres Lebens in einer binren Zuschreibung der Geschlechtlichkeit und erfllte ihre Dienste als Hofdame.
Links zum Thema:
Digitaler Flyer zur Ausstellung «Wish you were queer. Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte» im Museum im Prediger
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
