Wenn man nach dem Lesen durstig bleibt
Bis vor einigen Monaten wusste ich nur, dass der prominente schwule Autor Andr Gide vor 100 Jahren seinen Roman «Die Falschmnzer» (Amazon-Affiliate-Link ) Originaltitel: «Les faux-monnayeurs» verffentlichte. Homosexualitt soll hier ein «zentrales Motiv» sein (Wikipedia), und eine gleichnamige Verfilmung von 2010 ist als DVD (Amazon-Affiliate-Link ) bei Salzgeber erschienen. Meine Erwartungen an Buch und Film waren hoch.
Der Romantitel hat mehrere Bedeutungen und bezieht sich u.a. auf falsche Mnzen, die in den Umlauf gebracht werden. Auerdem schreibt ein Protagonist des Romans (Onkel Edouard) an einem Roman namens «Die Falschmnzer», womit selbstreferenziell auf das Schreiben von Andr Gide verwiesen wird. Der Romantitel lsst auch eine schwule Bedeutung erkennen, weil er auf die Unterscheidung von Echtem und Falschem verweist: Welche Menschen sind auch hinsichtlich ihres Liebeslebens aufrichtig und authentisch und welche eben falsch? Der Buchtitel mit seinen Bedeutungsebenen ist gelungen. Vieles andere eher nicht.
Der Roman und seine Protagonisten
Unter dem Originaltitel «Les faux-monnayeurs» erschien der Roman zuerst in der franzsischen Literaturzeitschrift «La Nouvelle Revue Franaise» ab dem 1. Mrz 1925 (S. 260-308) als Vorabdruck. Im Laufe des Jahres 1925 erschien danach die zweibndige franzsische Buchausgabe. Die deutsche bersetzung des Romans folgte im September 1927.
Zu den Protagonisten des Haupthandlungsstrangs gehren die beiden Freunde Bernard Profitendieu und Olivier Molinier. Sie sind 17 oder 18 Jahre alt und besuchen beide ein Pariser Gymnasium. Olivier liebt seinen als Schriftsteller ttigen 38-jhrigen Onkel, der im Roman nur «Onkel Edouard» genannt wird. Dieser Onkel Edouard stellt Bernard als seinen Sekretr ein, whrend Olivier fr den Modeschriftsteller Robert de Passavant arbeitet. Eine der Nebenhandlungen, die die Haupthandlung nicht sinnvoll ergnzen, dreht sich um den vielleicht 15-jhrigen Georges und den 13-jhrigen Boris.
Um nicht den berblick zu verlieren, fokussiere ich mich nachfolgend auf die homoerotischen Handlungsstrnge. Grundlage fr die Zitate und die Seitenangaben ist die Ausgabe «Die Falschmnzer» in der bersetzung von Ferdinand Hardekopf (Deutsche Verlagsanstalt, 1928), die ich mit der Online-Ausgabe von Gutenberg (ohne Seitenangaben) verlinkt habe. Die Minuten-Angaben zur Verfilmung beziehen sich auf die DVD «Die Falschmnzer» (2010).
Die beiden Freunde Bernard und Olivier
Bernard reit von zu Hause aus und wei zunchst nicht, wo er schlafen kann. Dann bernachtet er bei seinem Freund Olivier in dessen Bett. Dabei kommt es zu einer homoerotischen Nhe, bei der Bernard «seinen Freund an sich» drckt. Olivier rckt jedoch «ein wenig ab von diesem Krper, dessen Wrme ihm peinlich ist» (S. 38-39). Weil «das enge Bett () keine groe Distanz» erlaubt, fhlt Bernard am nchsten Morgen sogar Oliviers «Atem kitzelnd im Nacken» (S. 73-74). Auch im Film (33:40-38:30 Min.) wird die Nhe in dieser Nacht gezeigt, dort ist sie aber etwas weniger deutlich.
Die Zuneigung Bernards scheint einseitig zu sein. Fr Bernard ist Olivier «sein liebster Freund auf Erden» (S. 106). Er liebt «niemand so sehr wie Olivier», auch wenn beide «die Freundschaft nicht ganz auf dieselbe Weise zu verstehen» scheinen (S. 155).
Onkel Edouard und sein Neffe Olivier
Der Onkel Edouard liebt seinen Neffen Olivier, was auch erwidert wird. In einigen Szenen zeigt sich ein homoerotisches Interesse Edouards an seinem Neffen. Bei einem gemeinsamen Besuch eines Gottesdienstes ergreift Olivier die Hand seines Onkels. Edouard: «Es war das erste Mal, das (sic) er sich so vertraut zu mir benahm seine Hand zuckte wie ein kleiner Vogel in der meinen.» Weil Olivier seine Augen geschlossen hlt, betrachtet ihn sein Onkel in Ruhe und sieht eine «hnlichkeit mit jenem schlafenden Hirtenknaben auf einem Basrelief des neapolitanischen Museums, dessen Photographie auf meinem Schreibtisch steht» (S. 131). Spter lsst Edouard seinen Neffen bei sich wohnen. Als Olivier versucht, sich das Leben zu nehmen, kmmert sich Edouard um ihn und drckt seine Lippen als Ausdruck der Zuneigung auf Oliviers Stirn (S. 420-422).
Auch in der Romanverfilmung kommen diese beiden Szenen vor. In der Kirche (10:10 Min.) ist es jedoch Olivier, der die Hand seines Onkels ergreift, nicht umgekehrt. Nach dem Suizidversuch (ab 93:40 Min.) kmmert sich Edouard um seinen Neffen, trstet und streichelt ihn. Das Foto des antiken Hirtenknaben auf Edouards Schreibtisch wird nicht in Verbindung mit der Kirchenszene erwhnt, sondern in der Szene nach dem Suizidversuch auf Edouards Schreibtisch gezeigt. Der Hinweis auf diesen Hirtenknaben hat offenbar die Funktion, die Pderastie im antiken Sinne zu legitimieren. Mit dem schlafenden Hirtenknaben meinte Gide mglicherweise Endymion, der hnlich wie Adonis als Urbild eines schnen Jnglings gilt. Diese Geschichte und ihre bildlichen Darstellungen waren bei bildungsbrgerlichen Schwulen lange Zeit sehr beliebt.
Robert de Passavant, Vincent und Olivier
Robert de Passavant wird als unangenehmer Mensch dargestellt, der andere Menschen ausnutzt und sich mit finanziellen Angeboten Freundschaften erkauft. Gegenber jungen Mnnern agiert er wie ein «Forellenfischer», der einen «Kder» auswirft (S. 207). Einer dieser finanziellen Kder ist das Angebot eines Postens als Chefredakteur einer Zeitschrift, den er zuerst dem jungen Vincent anbietet (S. 210) und den spter Olivier bekommt (S. 286).
Um Olivier nah zu sein, nimmt Passavant ihn mit auf eine Urlaubsreise. Dabei werden sie von Prostituierten angesprochen, die auf ein Bier eingeladen werden mchten. Passavant tut dies, allerdings nur, um sie durch die darauffolgende Bestellung von Champagner fr sich und Olivier abzuwerten. Es ist die Rede von seinem «Ekel vor Huren» (S. 287-290; 75:00 Min.).
Eine weitere befremdliche Szene trgt sich whrend eines Banketts zu, zu dem Passavant Olivier mitnimmt (S. 396-415). Im Film bleibt unklar, warum er auf diesem Bankett die junge Sarah sexuell belstigt (87:05 Min.). Der Roman wird etwas deutlicher: «Offenbar suchte er, in Kenntnis der bedenklichen Gerchte, die ber seine Beziehungen zu Olivier umgingen, die Meinung der Welt auf falsche Bahnen zu lenken» (S. 407). Mnnliche Homosexualitt auf diese Weise in Verbindung mit Frauen zu bringen ist hnlich dmlich wie weibliche Homosexualitt mit angeblichem Hass auf Mnner zu begrnden.
Der Film bietet zu Robert de Passavant und Olivier romantische und homoerotische Urlaubsszenen (76:00 Min.) und lsst die Zuschauenden dabei fast vergessen, dass dieses Verhltnis aufgrund von Passavants Charakter und des Abhngigkeitsverhltnisses sehr fragwrdig ist. Die Romanfigur Robert de Passavant soll an den schwulen franzsischen Schriftsteller Jean Cocteau angelehnt sein (Wikipedia), ohne dass dafr hier nhere Belege genannt werden.
Der feminine Boris und sein frher Tod
Der 13-jhrige Schler Boris «hat eine musikalische Stimme, sein ganzes Wesen ist zart, grazis, fast mdchenhaft». Als andere sich wieder einmal ber ihn lustig machen, weint er fast «wie eine hysterische Jungfrau» (S. 522-523). Aufgrund seiner Art wird er von Mitschlern ausgegrenzt. Nur sein Mitschler Phiphi hat wirkliche Sympathie fr Boris, was er durch Umarmen und Kssen zeigt. Die anderen, wie z. B. Ghri, unterlassen diese Geste, weil sie sich «einen Teufel um romantische Sentimentalitten» scheren (S. 533; 116:10 Min.). Die Mitschler lassen Boris glauben, dass er nach einer bestandenen Mutprobe ihrer neu gegrndeten Bruderschaft angehren knne. Im Rahmen dieser Mutprobe erschiet sich Boris mit einer vermeintlich nicht geladenen Pistole.
Gides Beschreibung von Boris wirkt zunchst wie eine typische zeitgenssische Charakterisierung eines Homosexuellen. Vieles bleibt unausgesprochen und unverstndlich. Was passiert in den Kpfen der Jungen? War es ein Unfall oder wollten sie seinen Tod? Das gemeinsame Wichsen von Boris mit anderen Jungs umschreibt Gide zunchst sehr umstndlich mit Worten wie «Magie» und «Laster» (S. 277, s. a. «Masturbation», S. 283). Ging es Gide um Sex oder um eine Metapher fr Einsamkeit? Bei der Nebenhandlung mit Boris habe ich mich an Robert Musils Roman «Die Verwirrungen des Zglings Trle» (1906) erinnert, der ebenfalls die (sexuelle) Selbstfindung von Schlern beschreibt. Aus welchen Grnden wird ein Schler zum prdisponierten Opfer anderer Schler? Von Musils psychologischem Einfhlungsvermgen und Formulierungsreichtum ist Gide weit entfernt.
Der Roman im Urteil zeitgenssischer Zeitungsartikel
Ich habe rund 15 zeitgenssische Rezensionen zur deutschen bersetzung des Romans ausgewertet, die meistens recht positiv waren. Drei Rezensionen wirken so, als wollten sie indirekt auf die im Roman thematisierte Homosexualitt Bezug nehmen: Fr das «Neue Wiener Abendblatt» (2. Dezember 1927) geht es um «im Zauberwalde des Lebens Verirrte, die nach einer Lichtung suchen», und um die «Seltsamkeit eigenartiger Schicksale». Das «Neue Grazer Tageblatt» (8. Januar 1928) schrieb: «Das Thema selbst, Eros als lebensformende Kraft im heranwachsenden mnnlichen Geschlecht, ist in den verschiedensten Brechungen, Umkleidungen, Sublimierungen abgewandelt», z. B. in Figuren wie «dem sthetischen Jngling Olivier, der sein mdchenhaft zartes, noch ziellos unbestimmtes Empfinden in sich grbt». Fr die «Westflischen Neuesten Nachrichten» (23. Februar 1928) handelt der Roman von einer «vom Eros bald verwirrten, bald beschwingten Freundschaft». Dass die Rezensionen nicht deutlicher werden, ist nicht verwunderlich, weil auch der Roman kaum deutlicher wird. Es bleibt unklar, ob die Rezensenten den homoerotischen Subtext des Romans erkannt haben und ob ihnen die Homosexualitt des Autors bekannt war.
Die deutsche bersetzung des Romans wurde auch mehrfach im Radio vorgestellt, z. B. am 13. April 1928 im WDR (s. «Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel», 6. April 1929). Im Februar 1930 wurde der Druck des zehnten Auflagen-Tausends bekanntgegeben («Brsenblatt», 10. Februar 1930).
Klaus Mann ber Roman und Autor
Der Autor des Romans, Andr Gide (1869-1951), hatte mit «L’Immoraliste» («Der Immoralist») bereits 1902 einen Roman mit homosexueller Thematik verffentlicht. Wegen seines offenen Bekenntnisses zur Homosexualitt hatte seine Autobiografie «Stirb und werde» (1926) fr kontroverse Diskussionen gesorgt. 1947 erhielt er den Literaturnobelpreis.
Klaus Mann ist in seiner Biografie «Andr Gide und die Krise des modernen Denkens» (1948, S. 153-172, 178-179) voll des Lobes ber den Roman «Die Falschmnzer», der der «reinste () Ausdruck des Gideschen Wesens» sei, und sieht in ihm deutliche autobiografische Bezge: «douard ist Andr Gide beinah ohne Maske.» Die unterschiedlichen Handlungsebenen des Romans sind fr ihn «hchst kunstvoll ineinander verschrnkt». Diese «Vielfalt der Themen und Motive () knnte verwirrend wirken, wenn nicht ein klarer und starker Geist die Flle bndigte». Fr Mann ist der Roman ein verfhrerischer und reizvoller «Irrgarten». Dass Klaus Mann den Roman dennoch «nicht uneingeschrnkt» loben mchte, liegt vor allem am Vergleich mit anderen Autoren: Gide habe nicht die Gre von Schriftstellern wie Leo Tolstoi oder Fjodor Dostojewski, in diesem Roman aber zumindest «das Hchstma» seiner eigenen Mglichkeiten erreicht. Fr Mann bleibt «Die Falschmnzer» das «Lauterste und Tiefste, was dieser lautere, tiefe Geist» geschrieben habe. In diesem Kapitel lsst Klaus Mann bezogen auf Gide und diesen Roman jeden konkreten Hinweis auf Homosexualitt vermissen. Sein Hinweis, dass sich Gide in seinen Vorstellungen mit Sokrates und Sigmund Freud einig gewusst habe, wirkt allenfalls wie eine dezente Andeutung.
Hans Mayer ber Roman und Autor
Hans Mayer vergleicht in seinem Buch «Auenseiter» (1977. S. 267-274) Gides Roman mit Oscar Wildes Roman «Das Bildnis des Dorian Gray». Nach dem Willen der beiden Autoren sind es die jeweils einzigen Romane und stellen nach Mayer nicht nur «Hhepunkte, sondern Endpunkte» dar. Gide war «kein Homosexueller, denn er mache sich nichts aus schnen Mnnern. Nicht Homosexueller, sondern Pderast». Trotzdem sind es zwei Romane von homosexuellen Schriftstellern, denen Bekenntnischarakter zukommt. Nach Mayer spielen beide in einem «geschlossenen Kosmos»: «abgegrenzte Mnnerwelt, frauenfeindlich, sozial heimatlos, parasitr». Ob englischer Hochadel oder franzsische Oberschicht macht da keinen groen Unterschied. Auch nicht, ob nun Dorian Gray oder Olivier von lteren Mnnern begehrt werden. Es sind Alltagsgeschichten voll mit «Eifersucht, Altersunterschieden, Verfhrung und Widerstehen».
Claude Martin ber Roman und Autor
Gides Biograf Claude Martin geht in «Andr Gide in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten» (1983, S. 115-125, 151) ausfhrlich auf den Roman «Die Falschmnzer» ein und darauf, wie dieser mit Gides «Bekenntnis zur Homosexualitt», seiner gesellschaftlichen chtung und seiner homoerotischen Schrift «Corydon. Vier sokratische Dialoge» (alle 1924) zusammenhngt. Martin: «Es fehlt nicht an Beweisen, da Gides eigene Erfahrungen, sein Leben, der Inhalt» dieses Romans seien. Aber weil es eigentlich nur ein Roman ber einen Roman sei, «drohte die Theorie das Leben zu ersticken». Gide so Martin weiter wolle mit diesem Roman eigentlich von sich erzhlen, spiele dabei aber mit der Mischung aus Fiktion und Realitt und sei damit prsent und nicht prsent. Gide widmete «Die Falschmnzer» seinem Freund Roger Martin du Gard, der Gide den Vorwurf machte, dass er «nicht genug aussage und den Leser bei seinem Durst lasse».
Peter Schnyder ber Roman und Autor
Der Literaturwissenschaftler Peter Schnyder bringt in seinem Nachwort einer Neuausgabe von «Die Falschmnzer» (Manesse-Verlag, 2000) seine Kritik so auf den Punkt: «Einige Erzhlfden lsst der Autor unvermittelt fallen, um sie an anderer Stelle wieder aufzunehmen oder auch ganz ins Leere laufen zu lassen. Indem er ein und dasselbe Ereignis oder Gesprch aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschreibt, macht er jede Illusion einer objektiven Romanwirklichkeit zunichte. Im Lauf der Handlung scheint er selbst die Kontrolle ber die von ihm erschaffenen Figuren zu verlieren.» Bei der Betonung des autobiografischen Hintergrundes des Romans wird Schnyder konkret: Mit «Die Falschmnzer» rechtfertige Gide «indirekt seine eigene Beziehung zu Marc Allgret, der (1917) im Alter von 16 Jahren sein Sekretr und Geliebter» wurde.
Hat Gide die Homosexualitt freizgig dargestellt?
In Wikipedia steht zur Wirkungsgeschichte des Romans ohne Quellenbeleg der Satz: «Die Resonanz war zunchst eher khl, was unter anderem auch mit der freizgigen Darstellung von Homosexualitt zusammenhngen drfte.»
Der erste Halbsatz bezieht sich offenbar auf eine uerung des Biographen Claude Martin (s. o., S. 118, «khl aufgenommen»). Aber stimmt diese Einschtzung? Zumindest Klaus Mann (s. o., S. 178) schrieb davon abweichend, dass der Roman «berall als ein geistiges Ereignis ersten Ranges diskutiert und gepriesen» worden sei. Warum im Wikipedia-Artikel die Darstellung der Homosexualitt als freizgig bezeichnet wird, bleibt mir nach dem Lesen des Romans und unter Bercksichtigung, dass «freizgig» 1925 etwas anderes bedeutete als heute schleierhaft. Ich kenne keine zeitgenssischen Rezensionen, die eine Kritik mit dem Thema Homosexualitt in Verbindung brachten, und sehe hier eher einen anderen Zusammenhang: Homosexuelle werden (von Homo- und Heterosexuellen), historisch betrachtet, gerne in einer Opferrolle gesehen. Das trifft zwar oft zu, aber meines Erachtens nicht auf die Rezeption dieses Romans.
Ein Film mit wenig Handlung, vielen Figuren und vielen Fragen
Bei der Verfilmung htte man durch Straffung und Fokussierung aus den Fehlern des Romans lernen knnen hat man aber nicht. Bei einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden glaubten die Verantwortlichen des Films, die unbersichtliche Anzahl der Romanfiguren und damit auch die unbedeutenden Nebenhandlungen unbedingt beibehalten zu mssen. Der Film beginnt mit Szenen mit Edouard und seinem Neffen Georges, der im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielt. Danach werden die handelnden Personen und ihre Beziehungen unbersichtlich. Der Film bietet hnlich wie der Roman keine berzeugende Handlung und bleibt schwer verdaulich.
In seiner Rezension des Films, die im Booklet der DVD abgedruckt ist und zuvor im Magazin «Sissy» erschien, begrndet Ekkehard Knrer gut, warum einer «der groen Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts» erst 2010 verfilmt wurde. Dies liege an «Form und Inhalt des Buches». Dabei geht es nicht nur um die Anzahl an Romanfiguren, sondern auch um «Perspektivwechsel, unterschiedlichste Textformen, eingestreute Aphorismen und Zitate» und um einen Autor, der im Roman seine eigenen Figuren hinterfragt. An der fehlenden Handlung strt sich Knrer nicht, denn fr ihn ist der Film ein «komplexes Gewebe, das weniger eines der Handlung als der Gefhlstranspositionen () ist».
Ich gebe Knrer recht, dass die ephebophilen Neigungen von Passavant und Edouard der Kitt sind, der die unterschiedlichen Geschichten berhaupt irgendwie zusammenhlt (diese Neigungen seien «das Medium, in dem die Intrigen zwischen den Figuren Form und Ausdruck finden»), was eine nhere Betrachtung verdient.
Die Bewertung von Ephebophilie
Der Film beginnt mit begehrenden Blicken Edouards auf den vielleicht 15-jhrigen Georges, der ihn zweimal darauf hinweist, dass er sich von ihm unangenehm angemacht fhle (2:00 und 5:00 Min.). Die ephebophilen Neigungen, die sich bei Edouard und Passavant vor allem auf 17- bis 18-Jhrige beziehen, prgen die Filmhandlung, auch wenn ihre Darstellung ber Blicke und Gesten nicht hinausgeht. Im Gegensatz zum negativ dargestellten Passavant werden Edouards erotische Interessen u.a. mit dezenten Hinweisen auf die Antike erkennbar positiv zu legitimieren versucht.
Wie ist Ephebophilie also die Neigung zu pubertren und postpubertren Jungen zu bewerten? Es ist dabei etwas einfacher, nicht das Entwicklungsstadium, sondern das Alter zu bercksichtigen. Whrend heute kaum noch Zweifel bestehen, dass Kinder geschtzt werden mssen, bewegen sich sexuelle Handlungen mit 14- bis 17-Jhrigen in einer schwierigen Grauzone der Legalitt und Legitimitt.
Es gibt Filme im Kontext von Mord und Missbrauch, in denen Ephebophilie unausgesprochen und leicht zu verurteilen ist («Die Zrtlichkeit der Wlfe», «Mysterious Skin»). In der vorsichtigen Andeutung erotischer Interessen hnelt «Die Falschmnzer» (2010) dem Film «Der Tod in Venedig» (1971) nach einer Novelle von Thomas Mann, in der der 14-jhrige Tadzio von dem alternden Aschenbach begehrt wird. Es gibt nur wenige Filme, die auch einvernehmliche sexualisierte Beziehungen schildern, wie «Eban and Charley» (2000) mit dem 15-jhrigen Charley und «HerzHaft» (2007) mit dem 15-jhrigen Felix.
Ephebophilie wird auch in der Szene nur selten diskutiert. Eine dieser Diskussionen gab es vor rund zehn Jahren in Kln: Die Benennung eines Platzes in Kln nach dem schwulen Schriftsteller Felix Rexhausen wurde zunchst verschoben, als Pdophilie-Vorwrfe erhoben wurden. Nachdem festgestellt wurde, dass Rexhausen in seinem Roman «Berhrungen» (1969) fiktiv Sex eines Erwachsenen mit einem 15-Jhrigen beschrieb (zudem nicht besonders positiv), wurde der Platz daraufhin im Dezember 2015 versptet eingeweiht auch mit dem Hinweis auf Straen, die nach Thomas Mann benannt wurden (queer.de berichtete).
Eine eindeutige Bewertung von Ephebophilie bleibt auch dieser Text schuldig. Das hat nichts mit fehlendem Mut zur Positionierung zu tun, sondern damit, dass dies nur anhand des jeweiligen Einzelfalls mglich erscheint.
Was bleibt…
Nach dem Lesen von «Die Falschmnzer» bin ich durstig geblieben womit ich den Vorwurf von Gides Freund Roger Martin du Gard (s. o.) zum Inhalt des Romans aufgreife und mir zu eigen mache. Gide hat es meiner Ansicht nach nicht geschafft, seine Gedanken und Ideen berzeugend zu transportieren. Der Roman hat mich nicht angesprochen. Dass sich Andr Gides sexuelle Interessen nicht auf gleichaltrige Mnner bezogen, war mir schon vorher bekannt.
Auch der Film ist fr mich kein Gewinn, weil er wohl um als besonders werkgetreu zu gelten -hnliche Mngel aufweist wie der Roman, z. B. die verworrene Handlung und die verwirrend vielen Figuren. Selbst die Protagonisten wirken hier nicht wie lebendige Charaktere, sondern eher wie Sprachrohre der Ideen Gides, wobei sich auch die Minderjhrigen in Aphorismen und geknstelten Dialogen ergehen. Mir ist klar, dass die Meinungen ber den Roman und den Film sehr weit auseinandergehen und es ist mglich, dass Gide gar keinen realistischen Roman mit lebendigen Charakteren schreiben, sondern in bewusst knstlich stilisierter Form seine Ideen darlegen wollte. Mit der Online-Ausgabe des Romans bzw. der leicht verfgbaren DVD (Amazon-Affiliate-Link ) kann sich jede*r selbst ein Urteil bilden.
In Gides Roman «Die Falschmnzer» schreibt die Figur Edouard an dem Roman «Die Falschmnzer» und stellt am Ende resignierend fest: «Als ich die Seiten aus den ‚Falschmnzern‘ () durchlas, fand ich sie ziemlich schlecht» (S. 502).
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