Wenn sich eine Schlerin Hals ber Kopf in ihre Lehrerin verliebt
Manchmal tut es richtig gut, unvernnftig zu sein. Das merkt auch die 16-jhrige Johanne (Ella verbye). Denn natrlich ist der Schlerin klar, dass die Schwrmerei fr ihre neue Franzsischlehrerin (Selome Emnetu) zu nichts fhrt. Doch diese ersten Gefhle, die immer strker werden, fhlen sich einfach zu gut an, um klar zu denken.
Das Problem: Von Liebe hat Johanne bislang nur gelesen. Ein Buch ist es auch, das ihre Sehnsucht nach Nhe berhaupt erst weckt. Entsprechend berfordert ist sie, als Johanna das Klassenzimmer betritt. Ihre Gefhle treffen sie heftig, und aller Vernunft zum Trotz folgt sie ihnen. Die Teenagerin geniet jeden Moment der Schulstunde, ergtzt sich an jedem Lcheln. Als die Lehrerin sie Jeanne nennt, schmilzt sie regelrecht dahin.
Johanne schreibt ber ihre sexuellen Wnsche
Die erste Liebe kann so schn und doch so grausam sein. Das merkt Johanne, als sie all ihre Mut zusammennimmt und bei Johanna zu Hause klingelt. Die Franzsischlehrerin ist eigentlich Textilknstlerin, und die Schlerin gibt vor, stricken lernen zu wollen. Eine ambivalente Beziehung beginnt, die fr beide gefhrlich werden knnte.
Mit einigem Abstand beginnt die 16-Jhrige, ihre Erfahrungen aufzuschreiben, «um sie zu bewahren». Sie beschreibt ihre Wnsche, ihre Blicke, die Sehnsucht, die immer intensiver wird, dazu intimste sexuelle Fantasien. Sie schreibt fr sich, entsprechend schonungslos und radikal ehrlich ist sie.
Die Gromutter ist zunchst schockiert
Sie schreibt fr sich eigentlich. Schlielich gibt sie den Text doch ihrer Gromutter. Die Lyrikerin ist zuerst schockiert ber den expliziten Inhalt, dann aber doch begeistert. Denn was die Enkelin schreibt, ist von einer ungemein poetischen Kraft. Ihre Zeilen machen deutlich, wie sehr die Gefhle sie berwltigen, aber auch erschpfen.
Johannes Prosa dient im Film als Off-Text, von ihr selbst gelesen. «Oslo Stories: Trume», der zweite Teil von Dag Johan Haugeruds Trilogie, erhlt so eine ganz andere Form der Erzhlung als die beiden anderen Teile. Das Drama ist lyrischer und vertrumter. Dass der norwegische Regisseur auch Romane schreibt, wird dabei besonders deutlich. Was er Johanne schreiben lsst, ist fr einen Teenie vielleicht etwas reif, aber es ist wunderschn.
Was ist Wunschtraum, was Realitt?
Die Schlerin Johanne und ihre Lehrerin Johanna trennt dabei aber deutlich mehr als nur ein Buchstabe. Die durch ihre Namen suggerierte Nhe trgt. Die Teenagerin lebt in einem lteren Teil Oslos, die Mbel rustikal, die Erwachsene in einem modernen Wohnturm, stylish eingerichtet.
Johanne besucht Johanna immer hufiger. Es entsteht eine Nhe zwischen ihnen, die beide aber unterschiedlich interpretieren. Vor allem die Lehrerin scheint gar nicht zu sehr ber die ungewhnliche Freundschaft nachdenken zu wollen. Und was die Schlerin in ihrem Text daraus macht, geht weit ber die Realitt hinaus. Ihre Gromutter und danach auch die Mutter machen sich deshalb Sorgen, sie sind alarmiert. Es fllt ihnen nicht leicht, Wunschtrume zu erkennen.
«Ich bin queer, weil ich in Johanna verliebt bin?»
«Oslo Stories: Trume» verhandelt nicht nur moderne Formen der Sehnsucht und des Begehrens. Es geht auch um generationsbergreifende Kommunikation. Dabei wird eine bemerkenswerte Offenheit deutlich was aber sicher auch an Johannes intellektuellem Haushalt liegt. Wie schon «Oslo Stories: Liebe» bestimmen auch Konversationen den zweiten Teil: Fr Regisseur Dag Johan Haugerud sind die Gesprche ber Gefhle mindestens so relevant wie die Gefhle selbst.
Anders als so viele andere queere Filme ber die erste Liebe verfolgt «Oslo Stories: Trume» keinen problembehafteten Ansatz. Frs gleiche Geschlecht zu schwrmen, ist hier nicht auergewhnlich. Als die Mutter sagt, Johannes Buch handle vom queeren Erwachen, ist sie verwundert: «Ich bin queer, weil ich in Johanna verliebt bin?»
Das norwegische Drama hat in diesem Jahr absolut verdient mit dem Goldenen Bren den Hauptpreis der Berlinale gewonnen. Der Film lsst Raum fr Symboliken und fr so manche berraschung. Vor allem aber fngt er die ungemein starken ersten Gefhle ein und bleibt dabei angenehm ruhig.
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