Wie das queere Vermchtnis von Rotimi Fani-Kayode vernebelt wird
Die groformatigen Bilder sind ein wahrer Blickfang: Wir sehen nackte Haut von Schwarzen Mnnern in sinnlichen, mitunter ekstatischen Posen. Und wir sehen, wie die Protagonisten auf den Fotos symbolisch aufgeladene Requisiten der westafrikanischen Yoruba-Rituale nutzen. Der aus einer angesehenen nigerianischen Familie stammende britische Fotograf Rotimi Fani-Kayode widmet sich in seiner Werkserie «Bodies of Experience» (1989) jenen religisen Bruchen, mit denen er selbst aufwuchs.
Bei seiner Arbeit handelt es sich jedoch nicht etwa um dokumentarische Schnappschsse, sondern um inszenierte Studioaufnahmen mit ausgewhlten Models. Dabei verbindet der Knstler bewusst traditionelle Spiritualitt mit seiner eigenen erotischen Phantasie. Der Blick auf die Yoruba-Kultur ist also ein sehr persnlicher, doch das geht aus der Auswahl der gezeigten Bilder nicht unmittelbar hervor.
Auf der dazugehrigen Ausstellungstafel findet sich ein Zitat von Fani-Kayode: «Als afrikanischer Knstler, der mit einem westlichen Medium arbeitet, versuche ich die spirituelle Ebene in meinen Bildern stark zu machen, um zu mehrdeutigen und neu interpretierbaren Realittsauffassungen zu gelangen.» Dabei bleibt jedoch unerwhnt, dass seine Arbeit nicht nur auf seiner ethnischen und religisen, sondern auch auf seiner homosexuellen Identitt beruht.
Pionier der «Black Queer Photographers»
Rotimi Fani-Kayode gilt heute im anglo-amerikanischen Raum als Pionier der «Black Queer Photographers». Seine Geschichte ist von Religiositt, einem Klima der Gewalt und Flucht geprgt: Noch vor Ausbruch des Biafra-Kriegs flieht er als Kind mit der Familie 1966 von Nigeria nach England, 1976 zieht es ihn fr sein Studium in die USA. Dort freundet er sich mit Robert Mapplethorpe an, dessen knstlerischer Freiheitsdrang ihm als Vorbild dient. Schlielich lsst er sich in London nieder. Von 1983 bis zu seinem Tod im Dezember 1989 lebt und arbeitet Fani-Kayode in Brixton, wo sich sein Atelier zu einem Hotspot fr Ausdrucksformen afro-queerer Identitten entwickelt zu einer Zeit, als afrikanische Queerness praktisch unsichtbar ist und die homophobe Stimmung aufgrund von HIV und Aids in Grobritannien einen Hhepunkt erreicht.
Das Thema der afrikanischen Diaspora beschftigt Fani-Kayode ebenso wie der Umstand, dass Homosexualitt sowohl in der westlichen als auch in der afrikanischen Welt geleugnet wird. Besonders die Konflikte zwischen seinem schwulen Begehren und der Yoruba-Erziehung stellen fr ihn eine Herausforderung dar. Darum verbindet er in einem Groteil seiner Arbeit Sexualitt mit Spiritualitt so auch in seiner Werkserie «Bodies Experiences». Fani-Kayode zhlt damit zu den ersten, die sich mit Intersektionalitt auseinandersetzten also mit dem Thema der Mehrfach-Identitten. Auf anderen Aufnahmen sehen wir nackte Mnnerkrper, allein oder prchenweise, vor allem mit Schwarzer Hautfarbe, aber auch in interethnischer Konstellation. Zu dieser Zeit sind das radikale Visionen einer Grenzberschreitung. Das sind Bilder, die fr sich sprechen, auch ohne zustzliche Information.
Doch von all dem erfhrt man nichts in der von der Tate Modern in London bernommenen Schau im Ausstellungshaus C/O Berlin, die noch bis Anfang Mai unter dem Titel «A World in Common. Contemporary African Photography» mehr als zwanzig afrikanische bzw. afrikanischstmmige Knstler*innen prsentiert.
«Ich mache meine Bilder absichtlich homosexuell»
Den spirituellen Werken von Fani-Kayode ist eine ganze Wand gewidmet, vor dem Gebude wird mit einem seiner Fotografien auf einer Schautafel geworben. Dass die homosexuelle Identitt des Knstlers unterschlagen wird, ist umso bedauerlicher, als dass er zeit seines Lebens nicht mde wurde, auf seinen homoerotischen Blick zu verweisen. Diesen betrachtete er als Kern seiner Arbeit. Ein Zitat von ihm lautet: «Ich mache meine Bilder absichtlich homosexuell. Schwarze Mnner haben bisher weder ihren eigenen Vlkern noch dem Westen gegenber eine bestimmte schockierende Tatsache offenbart: dass sie einander begehren knnen.»
Zudem engagierte sich Fani-Kayode knstlerisch wie politisch als Aids-Aktivist, bis er im Dezember 1989 selbst an den Folgen von HIV starb. Doch auch davon ist in der Schau nicht die Rede. rgerlich ist diese Ausstellungspolitik vor allem angesichts der Tatsache, dass der Tate-Kurator Osei Bonsu der Schau mit dem Einfhrungstext einen dekolonialen Anstrich verleiht und damit auf eine Debatte verweist, bei der es auch um das Phnomen der sich verschrfenden Homophobie in afrikanischen Lndern gehen sollte. In Nigeria ist Homosexualitt bis heute streng verboten. Fani-Kayodes knstlerischer Ansatz wrde, sofern er nicht ausgeblendet wre, in diesem Zusammenhang neue und differenzierende Einblicke gewhren.
Wie man es lieber nicht machen sollte
Nun ist das C/O Berlin gewiss kein Haus, das die Nennung und Darstellung von queeren Identitten scheut das beweist schon die Ausstellungshistorie, zu der etwa die vor drei Jahren gezeigte Schau «Queerness in Photography» zhlt. Fr die aktuelle Ausstellung bernahm die Institution smtliche Ausstellungstexte von der Tate Gallery; auf eine eigenstndige berarbeitung wurde verzichtet. So ganz wohl hat man sich dabei offenbar nicht gefhlt, zumindest nicht bezglich Rotimi Fani-Kayode.
Pressesprecherin Ksenia Disterhof rumt auf Anfrage ein, dass Fani-Kayodes Homosexualitt nicht benannt wird: «Es handelt sich jedoch um kein absichtliches, verschmendes Weglassen. In unseren Fhrungen thematisieren wir es jedenfalls immer.» Das kommt dann allerdings nur bei einem Bruchteil des Ausstellungs-Publikums an. Schlielich fgt Disterhof noch hinzu, man habe auerdem das Stadtmagazin «Siegessule» explizit darauf hingewiesen, mit Fani-Kayode einen queeren Knstler im Programm zu haben von dessen Werk es zumindest ein dekoratives Pressefoto gibt.
Diese Praxis mag tatschlich die Aufmerksamkeit eines queeren Publikums auf einen sehenswerten Knstler lenken. Doch es mutet eher wie ein hilfloses Augenzwinkern unter Eingeweihten an, anstatt mit Hilfe eines knappen Hinweises im Ausstellungstext Transparenz fr alle zu schaffen. So scheint das Vorgehen lediglich als Beispiel dafr zu dienen, wie man es lieber nicht machen sollte.
Links zum Thema:
Ausstellung «A World in Common. Contemporary African Photography» im C/O Berlin
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
