Wie Harvey Milk zum wichtigsten schwulen Politiker wurde
Regenbogenfarben, soweit das Auge reicht, als Flaggen an Laternenmasten oder als Zebrastreifen an der wichtigsten Kreuzung. Das namensgebende Kino mit seiner Fassade im spanischen Kolonialstil, dessen Neonbeleuchtung die breite Strae erhellt: The Castro in San Francisco ist seit Jahrzehnten der Inbegriff eines queeren Stadtteils.
Wenn San Francisco die schwule Hauptstadt der USA ist wie das «Times Magazine» schon 1964 feststellte -, dann ist The Castro ihr schlagendes Herz. Ein Viertel, von dem aus queere Kultur und der Kampf gegen Diskriminierung das ganze Land vernderten. Und ein Viertel, das untrennbar mit Harvey Milk verbunden ist.
Dabei verbrachte der schwule Politiker den Groteil seines Lebens gar nicht an der West-, sondern an der Ostkste. 1969 zog er zum ersten Mal nach San Francisco, da war er 39 Jahre alt. Keine zehn Jahre spter wurde er umgebracht. Und doch prgte er das Viertel (und umgekehrt) wie niemand sonst. Wie hat er das geschafft?
Ein «durch und durch konventioneller» Mann
«The Times of Harvey Milk» versucht nicht, dieser Frage in Thesen nachzugehen. Der Dokumentarfilm interpretiert das Leben des Brgerrechtlers und Politikers nicht, fragt nicht nach den Grnden fr seinen groen Wandel. Vielmehr stellt der Film sein aktivistisches Leben dar, ist an Fakten und Erinnerungen mehr interessiert als an psychologischen Deutungen. Dafr kommen Weggefhrt*innen und Untersttzende in klassischen, gesetzten Interviews zu Wort, ergnzt durch eine Flle an Archivmaterial und einen Off-Kommentar, den der queere Aktivist und Schauspieler Harvey Fierstein eingesprochen hat.
Dabei ist Milks Leben durchaus von einer groen Entwicklung geprgt, man knnte auch sagen: von einem deutlichen Bruch. Er wuchs als Sohn litauisch-jdischer Mittelschichts-Eltern in einem Vorort von New York City auf, studierte Lehramt, diente in der Navy, arbeitete fr eine Versicherung und an der Wall Street. Er war damals eher konservativ, erlebte Antisemitismus und untersttzte die Kampagne des republikanischen Prsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, der 1964 deutlich gegen Lyndon B. Johnson verlor.
Randy Shilts beschreibt ihn in seiner Biografie als «durch und durch konventionellen» Mann. Und doch wurde er zu einer der wichtigsten queeren Stimmen seiner Zeit und zum ersten offen schwulen Politiker in den Vereinigten Staaten.
Doppelleben als schwuler Mann
Der Vietnamkrieg und geheime US-Luftangriffe auf Kambodscha politisierten Harvey Milk. Er verbrannte seine Kreditkarte aus Wut ber die Bank of America. Er nahm die Ideen der Gegenkultur auf, die ihn mit seinem brgerlichen Leben brechen lieen.
Wobei «brgerlich» fr ihn als schwulen Mann hie, ein Doppelleben zu fhren. Seine Beziehungen mit Mnnern hielt er geheim. Dass er schon mit 17 im Central Park cruisen ging und von der Polizei aufgegriffen wurde, ebenso. Harvey Milks Zeit vor seinem Leben in San Francisco nimmt in dem Film sicher auch mangels Archivmaterial nur wenig Zeit ein. Kinderfotos zeigen einen frhlichen Jungen mit abstehenden Ohren, fr die er gergert wurde.
Ein Kameraladen in San Francisco
Es war nicht nur eine besondere Zeit, in der Milk an die Westkste kam, es war womglich genau die Zeit, die es ihm berhaupt ermglichte, der zu werden, fr den wir ihn heute kennen. Parallel zu seinem Widerstand gegen den Vietnamkrieg zog Harvey Milk mit seinem deutlich jngeren Partner Jack Galen McKinley nach San Francisco, ging zurck nach New York und kam mit seinem neuen Partner Scott Smith schlielich wieder zurck an die Westkste. 1973 erffneten sie das Kamera- und Filmgeschft Castro Camera.
Das Viertel boomte. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg blieben viele schwule Mnner in der Marinestadt San Francisco, wenn sie vom Militr wegen ihrer Homosexualitt entlassen worden waren. So ersparten sie sich die Demtigungen in ihrer Heimat.
Die McCarthy-ra zu Beginn des Kalten Krieges brachte noch mehr Schwule ins Castro: Homosexuelle in Behrden galten als Sicherheitsrisiko und wurden entlassen, viele kamen nach San Francisco.
Der Brgermeister der Castro Street
Dort begann Harvey Milk, sich politisch zu engagieren. «Ich wre fr mein Leben gern Brgermeister von San Francisco», sagte er und meinte es ernst. 1973 wollte er zum ersten Mal in den Stadtrat einziehen, schon bald nannte er sich selbst den Brgermeister der Castro Street. Dabei sahen ihn die Leute anfangs eher als Witzfigur, stellt der Film fest. Lngere Haare, Bart, ein typischer Hippie.
Doch Harvey Milk versuchte es weiter. Er nderte sein Erscheinen, sein Auftreten, kandidierte noch zwei weitere Male. Bei der vierten Wahl 1977 gelang es ihm schlielich, in den Stadtrat gewhlt zu werden, weil das Wahlrecht gendert wurde. Statt stadtweiten Kandidat*innen wurden Reprsentant*innen der einzelnen Bezirke gewhlt.
Der erste Schwule, der in ein ffentliches Amt gewhlt wurde
Damit wurde Harvey Milk der erste offen schwule Mann, der in den USA in ein ffentliches Amt gewhlt wurde. Und er war nicht der einzige Erste: Carol Ruth Silver war die erste Alleinerziehende, Gordon Lau der erste Chinesischstmmige und Ella Hill Hutch die erste Schwarze, die in den Stadtrat eingezogen sind. Und auch der ehemalige Polizist und Feuerwehrmann Dan White, der Harvey Milk und Brgermeister George Moscone spter erschoss, wurde erstmals gewhlt.
Doch es ging nicht allein um die Person Harvey Milk. Alle Lesben und Schwulen, die sich zuvor nie von der Politik gesehen fhlten, hatten nun eine Vertretung, sagt im Film Anne Kronenberg, die seine Kampagne leitete. Harvey habe nie Alkohol getrunken, doch in der Wahlnacht sei der Champagner in Strmen geflossen.
Diese Euphorie bertrgt sich bis heute, wenn man das Fernsehinterview auf der Wahlparty sieht. Eine ausgelassene Stimmung, gewaltige Freude und ein von Untersttzer*innen umringter Harvey Milk, der auf die Frage des Reporters, ob die Schwulen jetzt die Stadt bernehmen, breit lachend, aber total selbstverstndlich sagt: Er vertrete alle.
«Every gay person must come out»
«The Times of Harvey Milk» von 1984 schafft es bis heute, diesen einmaligen Moment in seiner historischen Dimension erlebbar zu machen. Aber noch mehr: Der Dokumentarfilm verdeutlicht, dass es nicht schlicht um eine Identittskategorie geht, die Harvey Milk erfllte, und die ihn zum ersten seiner Art in diesem Amt machte. Harvey Milk als Stadtrat bedeutete einen Kulturwandel fr die queere Szene genauso wie fr die Mehrheitsgesellschaft. «Every gay person must come out», fand Harvey Milk. Nur so knnen die anderen verstehen, dass wir berall sind, dass wir dazugehren, dass von uns keine Gefahr ausgeht. Es ging ihm um Sichtbarkeit, auch auerhalb des Castros.
Andererseits kmpfte der Politiker Milk gegen konkrete Bedrohungen und fr Gesetze zum Schutz queerer Menschen. Eine Schlsselfigur zur damaligen Zeit war Anita Bryant, Sngerin, Orangensaftwerbeikone und Queerfeindin. Sie hatte sich erfolgreich gegen einen Diskriminierungsschutz Homosexueller in einem County in Florida eingesetzt. Davon beflgelt, wollte der Republikaner John Briggs mit der Proposition 6 erreichen, dass in Kalifornien schwule und lesbische Lehrkrfte sowie alle Angestellten, die queere Rechte untersttzen, entlassen werden mssen.
Harvey Milk ging in die Konfrontation mit John Briggs. Und dabei verdeutlicht der Film Milks rhetorisches Talent. Auf dem Podium ist er seris, locker und authentisch. Die abstrusen Argumente entkrftet er und nimmt sich selbst als Beispiel: Als Kind heterosexueller Eltern in einer heterosexuellen Welt aufgewachsen, sei er trotzdem schwul geworden.
«Milk» als fiktionale Adaption des Dokumentarfilms
Der Dokumentarfilm beeinflusste auch den Spielfilm «Milk» von Regisseur Gus Van Sant aus dem Jahr 2008. Man knnte fast sagen, «Milk» sei die fiktionale Adaption des Dokumentarfilms. Hauptdarsteller Sean Penn gewann dafr genau wie Drehbuchautor Dustin Lance Black einen Oscar. «Milk» orientiert sich in seiner Dramaturgie stark an dem Vorgngerfilm, manche Archivbilder finden sich in beiden Filmen: das Statement der damaligen Stadtrats-Prsidentin Dianne Feinstein ber den gewaltsamen Tod von Harvey Milk und George Moscone etwa, das in beiden Filmen ganz am Anfang gezeigt wird.
Auch Gus Van Sants Film ist fast 20 Jahre nach Erscheinen noch sehenswert und berhrend. Harvey Milks Liebesleben nimmt darin sehr viel mehr Raum ein, ist aber auch eine willkommene Quelle fr etwas Drama. Auch Milks Persnlichkeit versucht das Biopic etwas mehr auszuleuchten: Seine Liebe fr die Oper wird deutlich, auch wenn sie am Ende fr ein gehriges Ma Pathos sorgt: Whrend Milk erschossen wird, blickt er auf die dem Rathaus gegenberliegende Oper, in der er nur kurz zuvor begeistert Puccinis «Tosca» sah und den tragischen Tod der Heldin erlebte.
Deutlich weniger ausfhrlich ist «Milk» jedoch mit allem, was nach der Tat passiert ist. Das beleuchtet der Dokumentarfilm dagegen sehr ausfhrlich. Denn die Ungerechtigkeit und die Ungleichbehandlung, gegen die Harvey Milk sich als Brgerrechtler und Politiker engagierte, ging nach seiner Ttung weiter: Der Tter Dan White, ebenfalls Stadtrat, wurde nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags zu nur sieben Jahren Haft verurteilt. Homosexuelle oder ethnische Minderheiten waren als Geschworene nicht zugelassen. Die Verteidigung versuchte, die Tat mit Whites ungesunder Ernhrung zu entschuldigen, was bis heute abschtzig als «Twinkie Defense» bezeichnet wird. Dieses milde Urteil lste am 21. Mai 1979 die White Night Riots aus, teilweise gewaltttige Unruhen.
Mehr als ein bedeutendes Zeitdokument
«The Times of Harvey Milk» schrieb aus mehreren Grnden Geschichte: Es ist der erste Film mit schwuler Thematik, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Und Regisseur Robert Epstein war der erste, der in seiner Dankesrede seinem homosexuellen «partner in life», John Wright, dankte. Es blieb auch nicht sein einziger Academy Award: 1990 gewann er ihn fr seinen Dokumentarfilm «Common Threads: Stories from the Quilt» ber den Aids Memorial Quilt, ein Gedenk-Quilt fr alle an Aids Verstorbenen.
«The Times of Harvey Milk» ist nicht nur ein bedeutendes Zeitdokument ber den Aufstieg einer der wichtigsten Figuren der queeren Geschichte. Untersttzt durch Mark Ishams Score und eine sonst zurckhaltende Inszenierung vermittelt der Film zudem eine Zeit, in der Sichtbarkeit politisch wurde und schliet damit unmittelbar an die Gegenwart an.
Denn das nach dem Korea-Kriegsveteran Milk benannte Marine-Kriegsschiff, «USNS Harvey Milk», lie der neue US-Verteidigungsminister Pete Hegseth umbenennen ausgerechnet im Pride Month. Doch wenn die Geschichte von Harvey Milk eins zeigte, dann dass die Stimme seiner Bewegung nur lauter wurde, als seine eigene verstummen musste.
Die Artikelserie «Queer Cinema Classics» wird gefrdert durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie erscheint parallel bei sissy und queer.de.
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Der Film bei Prime Video
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